
Türchen #3: Ich erinnere mich… (Deine spontanen Erinnerungen an Winter und Weihnachten)
Ich erinnere mich ….
Ich erinnere mich an Schnee, an viel Schnee, sodass unsere Stiefel beim Stapfen quietschende Geräusche machten. Wie Schneemänner sahen wir aus, in unseren vielen Kleidungsschichten, nur bunt. Bis uns die Kälte an Fingern und Zehen erwischt hatte und wir schweren Herzens nach Hause mussten. Wenig später fanden sich unsere Füße in einem heißen Fußbad wieder. Wir fluchten angesichts des Schmerzes beim Auftauen der Gliedmaßen. Unsere Wangen glühten rot wie Weihnachtsäpfel.
Einmal habe ich mir als Kind Ski zu Weihnachten gewünscht. Ich erinnere mich daran, wie ich sie im ersten Wunschjahr nicht bekam und enttäuscht im Sessel niedersank, fast wäre Weihnachten gekippt. Mangelwirtschaft. Und nicht überall hatten wir Beziehungen.
Das Jahr darauf schien sich die Szene zu wiederholen. Erst nach langem Suchen und unter dem höhnischen Gelächter der Familie – derber Familienhumor – fand ich die weiß-rot-blauen Schneeschuhe neben der Schrankwand in der Ecke versteckt. Mein schönstes Geschenk für Jahre.
Vor kurzem versuchte ich diese Vorfreude und das Warten auf etwas Besonderes meiner Tochter zu erklären. Nicht immer alles sofort haben zu können und damit die Freude über ein Geschenk umso größer zu empfinden. Ich glaube, sie verstand, was ich meinte.
Jedoch die Freude über die Bettwäsche, “alle Jahre wieder”, das Weihnachtsgeschenk meiner Oma Jahr um Jahr, hielt als Kind meine Weihnachtsstimmung gedämpft. Hier hatten wir “direkte Beziehungen”. “Unterm Ladentisch bekommen”, da meine Oma in der HO für Bekleidung und Kurzwaren, einschließlich Haushaltswäsche, arbeitete.
Ein kleines selbstzugeschnittenes Pappschild auf die Bettwäsche gestickt, stellte sicher, dass ich tatsächlich wusste, dass das Geschenk von meiner Oma kam und nicht vom Weihnachtsmann. “Von deiner Oma Waltraud, Weihnachten 1981, 1982…1988. Meine Oma mit ihrer Bettwäsche. Immer wieder keimt die Erinnerung besonders an sie hoch.
Ich erinnere mich an Weihnachten im Sommer, ungefähr 25 Jahre später, bei über 35 Grad auf einem anderen Kontinent mit einem anderen Klima. Schweiß läuft uns die Schläfen herunter, der Weihnachtsbraten kommt nicht aus der heißen Röhre, sondern ist in Bisquitteig eingerollt und lauwarm. Der Baum ist aus Plastik und nicht aus dem Wald, die religiöse Einkehr genauso wenig vorhanden wie in Deutschland. Doch das Zusammensein fühlt sich ähnlich an. Warm. Und das ist nicht den Temperaturen geschuldet. Echt, trotz aller Künstlichkeit. Die Feste feiern, wie sie fallen, oder um einen Grund zu finden, zusammenzukommen, durchzuschnaufen und sich aneinander und miteinander zu freuen. Oh, du Fröhliche!
Astrid Heyne (Leipzig)

